#17 Kleines Häutchen, großer Mythos

Das Jungfernhäutchen. Der Saum um den Scheideneingang. Ja, darüber sprechen Katrin und Ronja in dieser Folge. Wir klären auf, was am Scheideneingang bei fast jeder Frau zu finden ist. Wie es sich verändert und welche Irrungen und Wirrungen davon abgeleitet werden.

Im Großen und Ganzen stellen wir endlich klar, was das sogenannte Jungfernhäutchen (oder medizinisch Hymen) wirklich kann: nämlich nichts. Es gibt keine medizinische Funktion des Häutchens und führt damit die Mythen, die sich darum ranken, ad absurdum.

Was man am wenigsten dadurch feststellen kann: ob eine Frau schon penetrativen Sex hatte.

Folgennotizen:
  • Der Junfrauenwahn, ein Film von Güner Balci
  • Beratungsstelle pro Familia bei Wunsch zur Hymen-Rekonstruktion
  • Die Vorlage zur Email an duden.de ist unten auf der Seite zu finden ↓

In jeder Folge gibt es mittlerweile Kapitelmarken (allerdings nicht in allen Podcast-Playern..) wenn ihr also zu einem bestimmten Thema innerhalb der Folge springen wollt, dann ist das möglich.

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Sehr geehrte Damen und Herren,
wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass unter der Beschreibung des Wortes „Jungfernhäutchen“ und oder „Hymen” eine Beschreibung zu lesen ist, die nicht dem aktuellen medizinischen Wissensstand entspricht.
Da der Duden eine große gesellschaftliche Relevanz erfährt, finden wir, dass hier ohne Ausnahme korrekte Bezeichnungen zu finden sein müssen. Davon abgesehen, dass das Wort Jungfernhäutchen sehr belastet ist und sich auch hier neue Begriffe bilden, möchten wir uns vorrangig zu der nun folgenden Bedeutung äußern:
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[sichel- bis ringförmige] dünne Schleimhautfalte am Scheideneingang der Frau, welche beim ersten Geschlechtsverkehr unter leichter Blutung einreißen kann; Jungfernhäutchen.
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“Reißen des Jungfernhäutchens”

Eine direkte Korrelation zwischen dem Reißen des Jungfernhäutchens und dem ersten penetrativen Geschlechtsverkehr besteht aus medizinischer Sicht nicht. Eine Studie, in der die hymenale Morphologie bei jugendlichen Mädchen mit und ohne einvernehmlichen Geschlechtsverkehr in der Vorgeschichte verglichen wurde, ergab, dass 52% derjenigen, die zuvor Geschlechtsverkehr gehabt haben, keine identifizierbaren Veränderungen des hymenalen Gewebes aufwiesen (Adams, Botash, and Kellogg 2004).
Der Saum am Scheideneingang (oder Hymen) zieht sich im Laufe des Lebens zurück. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Einführung von z.B. einem Penis, Tampons oder einer Menstruationstasse.
Von „reißen“ kann nicht die Rede sein (Mishori et al. 2019). Diese Nomenklatur verstärkt das vorherrschende Bild einer Entjungferung welche mit Schmerzen und einer nachweisbaren optischen Veränderung des Jungfernhäutchens einhergeht. Anhand einer Inspektion des Hymens lässt sich jedoch nachgewiesener Maßen nicht feststellen, ob Geschlechtsverkehr stattgefunden hat (Kellogg, Menard, and Santos 2004).

“Blutung”
Das Jungfernhäutchen ist eine Membran mit relativ wenigen Blutgefäßen. Eine Penetration führt nicht zu einer wesentlichen Blutung. Ein forciertes Eindringen und mangelnde Feuchtigkeit können hingegen zu Rissen an der Vaginalwand führen, welche eher für die Blutung nach dem ersten Geschlechtsverkehr verantwortlich sind als ein Trauma des Jungfernhäutchens (Mishori et al. 2019). Mehrere Studien belegen, dass eine Blutung nach dem ersten Geschlechtsverkehr einer Frau in vielen Fällen nicht beobachtet wird (Loeber O. 2008), (Whitley 1978).

Daher möchten wir nicht nur die vage Formulierung infrage stellen, auch die Stärkung des Stigmas, welche damit einhergeht, ist nicht zu unterstützen. Das Bild einer Frau die entjungfert wird, untrennbar begleitet durch ein Reißen des Jungfernhäutchens und dadurch hervorgerufener Blutung, ist wissenschaftlich schlichtweg nicht korrekt (Curtis and San Lazaro 1999).

In diesem Zug ist zu nennen, dass die „Defloration“ mit dieser Bedeutung beschrieben ist:

Zerstörung des Jungfernhäutchens einer Frau [beim ersten Geschlechtsverkehr]; Entjungferung

Wie bereits belegt, kommt es beim ersten Geschlechtsverkehr nicht immer zu einer optischen Veränderung des Jungfernhäutchens (Curtis and San Lazaro 1999).
In dieser Beschreibung wird nicht der Konjunktiv „einreißen kann“ gewählt, hier liest sich der Zusammenhang wie ein Fakt. Auch die „Zerstörung” des Jungfernhäutchens vermittelt ein grotesk falsches Bild vom natürlichen Zurückziehen des Hymens. Darüber hinaus gibt es Frauen, bei denen kein Hymen angelegt ist (Mor and Merlob 1988). Können diese nicht entjungfert werden?
Wir wissen nicht ab welcher gesellschaftlichen Relevanz Sie neue Wörter einführen, die alteingesessene Begriffe ersetzen. Wir sehen uns aber in unserer Pflicht Sie auf Wörter und deren medizinisch nicht korrekt beschreibende Bedeutungen aufmerksam zu machen, wenn -wie hier- Vorstellungen bestärkt werden, die für einzelne Personen eine reale Gefahr darstellen können (z.B. familiärer Druck einer Wiederherstellung des Hymens, nach einer vorzeitigen, ungewollten „Zerstörung“ durch die „Defloration“).
Wir fordern jedoch zumindest eine medizinisch korrekte Beschreibung der oben genannten Begriffe.

Besten Dank für eine Rückmeldung dazu
XY

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Adams, J. A., A. S. Botash, and N. Kellogg. 2004. ‘Differences in hymenal morphology between adolescent girls with and without a history of consensual sexual intercourse’, Arch Pediatr Adolesc Med, 158: 280-5.
Curtis, E., and C. San Lazaro. 1999. ‘Appearance of the hymen in adolescents is not well documented’, Bmj, 318: 605.
Kellogg, N. D., S. W. Menard, and A. Santos. 2004. ‘Genital anatomy in pregnant adolescents: “normal” does not mean “nothing happened”‘, Pediatrics, 113: e67-9.
Mishori, R., H. Ferdowsian, K. Naimer, M. Volpellier, and T. McHale. 2019. ‘The little tissue that couldn’t – dispelling myths about the Hymen’s role in determining sexual history and assault’, Reprod Health, 16: 74.
Mor, N., and P. Merlob. 1988. ‘Congenital absence of the hymen only a rumor?’, Pediatrics, 82: 679-80.
Whitley, N. 1978. ‘The first coital experience of one hundred women’, JOGN Nurs, 7: 41-5.

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